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Die Stadt als Schachspiel?

13.05.2016 von Eric T.

Betrachten wir einmal moderne Bürogebäude wie Schachfiguren, als Türme im Stadtquartier. Was hilft uns diese Perspektive für die Stadtentwicklung? Die kanadisch-amerikanische Stadt- und Architekturkritikerin, Jane Jacobs (1916–2006) verwendete diese Metapher in ihrem 1961 erschienen Buch „Tod und Leben großer amerikanischer Städte“. Sie zitiert dort den Planer Larry Smith, der den Versuch weitere Bürotürme in den Planungsentwurf für eine Stadtteil zu platzieren, mit den Worten: „Sie haben doch Ihre Schachfiguren alle verbraucht!“

Ein Schachspiel besteht aus 32 Spielfiguren, zwei bewährten und ausbalancierten Sets von sechs Spielfigurentypen, auf einem fixierten Spielbrett mit 64 Feldern. Um optimal wirksam zu werden, müssen die Figuren aus ihrer Ausgangsposition versetzt werden. Unterschiedliche Züge sind vorstellbar: identische Figuren auf einer Linie, eine Kombination von zwei unterschiedlichen Figuren - eine Vielzahl von komplexen Arrangements. Es gibt bewährte Zugfolgen, die immer wieder gespielt werden, insgesamt aber über 1046 mögliche Stellungen. Man kann Spielfiguren „zustellen“, so dass sie nicht wirksam werden bzw. ihre Wirkungen einschränken. Jede Veränderung einer Position verändert das Gefüge des Spiels. Man kann aber auch die Figuren des Gegners schlagen und somit vom Spielbrett nehmen.

Stellen Sie sich vor, was passieren würde, wenn jeweils ein Spieler plötzlich vier, acht, sechzehn Türme zur Verfügung hätte. Das wäre ein anderes Spiel. Bei vier oder acht Türmen kämen die Spielfiguren zunächst nur schwierig ins Spiel. Dann würde es zu einer reinen „Schlacht“ kommen, das Spiel würde schnell enden und wer weiß wie oft man es gerne wieder Spielen würde. Nur wenige Menschen würden solch ein „Spiel“ reizvoll finden. Diese eine Idee macht deutlich, dass nur im Zusammenspiel unterschiedlicher Spielfigurentypen ein einzigartiges, spannendes und wiederholtes Spiel entsteht.

Welche Schachfiguren, in welcher Mischung und Wechselwirkung stehen heute in unseren Städten oder Neubaugebieten? Passt die Zusammenstellung? Dominiert ein Figurentypus und entsteht wirklich ein lebenswürdigs Quartier? Oder gibt es schlicht zu wenige oder zu viele Figuren eines Typus? Stehen sie so zusammen, dass es Sinn macht oder eher unverbunden und mit zu viel Raum?

Es wäre spannend, bei einem Neubaugebiet wie Freiham (München), die Metapher des Schachspiels einmal durchzuspielen und zu testen, ob ein spannendes Spiel entsteht. Wenn wir die zur Verfügung stehende Fläche nehmen und zu den Stadtplanern sagen: „Diese Gebäudetypen müssen auf dieser Fläche untergebracht werden. Einigen Sie sich auf Art und Anzahl. Bei der Positionierung bedenken Sie die Wechselwirkungen der einzelnen Gebäude und ob sie ihren Nutzen für die Stadtgemeinschaft entfalten.


Nieder mit der Monotonie der Türme ;-)

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